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Probleme mit dem Antrieb: Tretlager
Tretlager
genießen meistens nicht so die Wertschätzung, die Ihnen eigentlich gebührt. Vom
Standpunkt des Ingenieurs ist das Tretlager die am extremsten belastete drehende Welle im
Fahrrad. Das zieht für Einbau, Lagerung und Dichtung die entsprechenden Konsequenzen nach
sich.
Auch hier, wie schon bei der Kette, schlägt der Verschleiß in Form dieser klebrigen
Matschepampe übelst zu, manchmal vielleicht weniger während des eigentlichen Betriebs
als mehr nachher, wenn man sich mit Gartenschlauch oder sogar Dampfstrahler an diesen
Dreckklumpen namens Moutainbike heranmacht. |

Probleme mit Wasser und Dreck.
Wo kommt die Soße eigentlich her? Nun, erstmal, ganz offensichtlich, durch die
Dichtstellen zwischen der Welle und dem Gehäusedeckel, meist nur einfach mit einem
minderwertigen Gummiring gesichert. Aber, es kann auch durch das Sattelrohr oder andere
Kondensatbohrungen im Rahmen eindringen, und nicht zuletzt wirkt Kondensat auch selbst.
Gerade hier sind klassische Konuslager am meisten gefährdet, häufig ohne
Faltenbalgdichtung, die beim Einbau zwischen die Lagerschalen geklemmt werden
(Faltenbalgdichtungen taugen eigentlich nichts, höchstens gegen direktes Einspritzen
über das Sattelrohr, aber welcher Simpel macht denn so
was? Ansonsten überwiegen die
Kriechprozesse im Lagersystem )
Gegen diese Einflüsse sind moderne Patronenlager ziemlich unempfindlich. Dafür
haben sie andere Probleme: Mangelnde Stützbreite, was heißt, das die auf die Lager
wirkenden Kräfte durch die größeren Quermomente (ca. 20-30 % mehr gegenüber einem
klassischen Konuslager) zu mehr Verschleiß und mehr Wellenbiegung führen. Mehr
Verschleiß bedeutet natürlich mehr Nachstellbedarf, und genau hier müssen die
Patronenlager passen. Mehr Durchbiegung und mehr Spiel bedeutet mehr Arbeit für die
Dichtung, die das in der Regel selten lange schafft.
Lebensdauer, Materialauswahl Ganz
entscheidend für die Lebensdauer sind die Qualität der verwendeten Materialien, die Güte
der Stähle, die Genauigkeit der Lager und besonders die Bauform und Qualität der
Dichtung.
So solide konventionelle Konuslager sonst sein mögen, die Sache mit der
Dichtung (innen wie außen) ist die absolute Standfestigkeitsbremse für
Matschepampe-Kreuzfahrer und damit nix für die Wingert (der Autor hat sich jetzt lange
genug mit dem Kram herumgeärgert). In neuem Zustand geben wir höchstens 10 Matsch-Touren
bis zum ersten Eindringen der Soße. Danach kann man zwar noch hunderte von Kilometern
weiterfahren, aber es kracht und knackt zunehmend, die Sandkörnchen werden gemahlen. Für
die Sauberen Speichen ein absoluter Albtraum, aber auch Dräckigä Speichän zeigen sich
zunehmend genervt.
Soll man nun lieber zu einem billigen Patronenlager greifen (z.B. Shimano
LX oder noch schlimmer) ? Eingebaut ist es ja schnell, mit Montage wird man
vielleicht 30€ los. Als Gelegenheitsfahrer (<1000km/a) sicher eine gute Wahl, aber für
Hobbyfahrer (1000-5000km/a) oder Amateure (>5000km/a) ist das absolut nix: Nach maximal
1500 km im Allwettereinsatz sind die Dinger hin (Spiel, Knacken und Mahlen) und müssen
ersetzt werden. Also doch etwas teures? Oh ja. Mindestens Shimao XTR, besser
EDCO.Competition.
Ist schon jemand aufgefallen, daß das
Wörtchen "Gewicht" bisher noch gar keine Rolle gespielt hat? Gewicht hat bei
uns nur dann einen Wert, wenn Funktionstüchtigkeit und Standfestigkeit nicht darunter
leiden. Ansonsten macht es gerade bei wenig Freizeit keinen Sinn, stundenlang teure Teile
am Rad auszuwechseln (die zusätzlich noch so manche Überstunde kosten), um dann beim
Training 3,5 Sekunden auf die übliche Runde einzusparen.
Tipps für die Wartung: Beim
Abspritzen nicht auf die Lager zielen (gilt sinngemäß auch für die Radlager).
Vielleicht eine Gummischeibe zwischen Lagerdeckel und Kurbel auf die Tretachse aufschieben
(Durchmesser etwa wie Tretlager, alten Fahradschlauch dafür verwenden), um das Lager vor
direktem Dreckbeschuß zu schützen.
Tretlager wechseln:
Wann man ein Tretlager wechselt, dürfte ziemlich klar sein: Sobald es so stark
knarzt, daß man sich schüttelt oder das Lagerspiel so groß geworden ist, daß
sich jeder Ausflug wie der Ritt auf einer landwirtschaftlichen Häckselmaschine
anhört, weil das Kettenblatt links und rechts am Umwerfer scheuert.
Wie man ein Tretlager wechselt, wird an anderer Stelle ausführlich beschrieben
(z.B. auf
http://www.mountainbike-magazin.de/innenlagermontieren.35322.htm oder
http://www.mountainbike-magazin.de/sixcms/media.php/812/1299_12_innen_r_austauschen.pdf
). Hier nur soviel: Wenn man das Rad bald wieder braucht und sich nicht sicher
ist, ob man es schafft, dann zieht man erst mal nur die Kurbel auf der linken
Seite ab und versucht jetzt, die Patronenmutter zu lockern (wir gehen hier von
einem Shimano-System oder baugleich aus). Falls man eine Hohlachse hat, kann man
die Kurbelbefestigungsschraube der rechten Seite ebenfalls entfernen und sichert
das Spezialwerkzeug nun mit einem Schnellspanner (siehe Bild 1 und 2)
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Bild 1:
Spezialwerkzeug für Tretlager-Patronenschraube |
Bild 2:
Spezialwerkzeug mit 24er Ringschlüssel und Schnellspanner im Einsatz |
Die
Antriebskurbel kann abgenommen werden, sobald sich die Patronenschraube bewegt;
wenn nicht, kann man sich immer noch überlegen, ob man die linke Kurbel wieder
aufzieht und doch noch zum Fahrradhändler seines Vertrauens fährt, hoffentlich
hat der mehr drauf.
Was man keinesfalls machen sollte: Das Spezialwerkzeug mit dem dafür
vorgesehenen 1/2"-Ratschenantrieb betätigen: Damit macht man die Innenzähne
garantiert fertig, ohne daß die Schraube sich auch nur einen Millimeter bewegt
hätte. Danach kann man den Rahmen eigentlich wegschmeißen.
Was man auch nicht tun sollte: Mit einem Maulschlüssel - möglicherweise sogar
einem etwas zu großen - das Spezialwerkzeug betätigen. Da rutsch man
blitzschnell ab und tut sich sauweh, wenn nicht, besteht immer noch die Gefahr,
die Ecken des Sechskants abzurunden. Dann ist das Spezialwerkzeug auch hin.
Lieber einen gut sitzenden Ringschlüssel (bei der Größe darf es auch ein 12-Kant
sein), der außerdem noch ergonomische Vorteile hat. So. Und jetzt fangen wir an:
Phase 0: Fahrrad auf die Erde, Lenkstange und Sattelstütze festhalten und mit
dem rechten Fuß die Schraube zunächst etwas im Uhrzeigersinn rechts herum
anziehen. Wieso das? Nun, zunächst muß gelockert werden, da ist die Drehrichtung
egal. Und die Innenzahnflanken der richtigen Drehrichtung kann man so noch ein
bissel schonen. Wenn's "Knack" macht, ist das ein gutes Zeichen. Jetzt anders
'rum: Ringschlüssel in optimaler Position, Fuß drauf und langsam das Gewicht
erhöhen (die Federgabel ist dann irgendwann am Anschlag) und jetzt noch ein
bissel ruckartig drücken. Das Ganze bitte mit etwas Gefühl, oder suchst Du nur
eine schöne Ausrede, warum jetzt ein neuer Rahmen gekauft werden muß? Wenn jetzt
immer noch gar nix passiert, obwohl sich der Hexenschuß schon anschleicht,
handelt es sich um einen ganz hartnäckigen Fall. Aber gemach: Das kriegen wir
auch in den Griff, zumindest sind wir noch nicht am Ende:
Phase 1: Jetzt wird erst mal der Rand der Schraube mit Kriechöl eingesaut
(Fahrrad dazu flach auf den Boden legen) und sobald das versickert ist, kommt
Phase 2: Ein Glas Diesel in das Sattelrohr kippen. Zuvor sämtliche Löcher an der
Unterseite von Tretlager und Schwinge mit Gewebeband verschließen, evt. mit
Kabelbinder sichern (Diesel ist ziemlich fies zu Klebstoffen). Außerdem das Rad
so hinstellen, daß das Tretlager den tiefsten Punkt bildet und leicht nach links
kippt (ich habe einfach das Vorderrad 'rausgenommen, Lenker leicht links und den
Bock auf die Gabelenden gestellt). Einen Lappen auf eine Plastiktüte unter das
Tretlager legen (wegen dem neuen Parkettboden).
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Bild 3:
Diesel tanken ins Sattelrohr! |
Phase 3:
Warten. Mindestens eine Stunde, besser eine Nacht.
Phase 4: Wenn überhaupt ein Chance bestand, den Rost zu besiegen, dann am
nächsten Morgen: Jetzt müßte das Diesel überall hingekrochen sein und sein
flutschiges Werk getan haben. Vor allem die Zone zwischen den Patronenschrauben
und der Patrone sollte jetzt ein wenig besser gleiten. Okay, versuchen wir es
noch mal: Zurück zu Phase 0. Wenn's jetzt immer noch nicht geht, dann hat ja
vielleicht doch der Händler noch eine Idee......
WS,
30.09.2006
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