Kalte Jahreszeit

 

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Die kalte Jahreszeit läßt viele erschauern, wenn sie an Training bei Kälte, Regen, Matsch und Schnee denken. Dabei gibt es sprichwörtlich gar kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.  Dieser Beitrag möchte mit Vorurteilen aufräumen und zur Fortsetzung des Trainings animieren.

Kälte und Nässe: Wenn die Kleidung stimmt, kann es sein, daß man z.B. auf dem Weg zur Arbeit so in Wallung gerät, daß man gesundheitsmäßig alle Auto fahrenden Weicheier locker abhängt. Denn die steigen in aller Regel in ein eiskaltes Auto ein, während man selbst die häuslich vorgewärmten Klamotten nach und nach mit eigener Wärme aufheizt. Je nachdem kommt man dann gut durchblutet, vielleicht sogar durchgeschwitzt am Arbeitsplatz an, während unser Autofahrer nach Ankunft erstmal eine halbe Stunde auf dem nächsten Heizkörper sitzen muß, um aufzutauen. Der Autor hat den Vergleich und weiß, wovon er spricht.
Problem Wäschefeuchte: Vermieden werden muß vor allem, im erhitzten Zustand irgendwo zu stehen und zu frieren. Um es nicht soweit kommen zu lassen, ist atmungsaktive Kleidung hilfreich, kann aber letztlich auch nicht die großen Mengen an Feuchtigkeit abtransportieren, die ein dampfendes Schlachtroß absondert. Selbst mit optimaler Kleidung ist es also immer noch möglich, sich zu verkühlen.
Die feuchtesten Zonen sind dabei im Schritt, auf dem Rücken, unter den Armen und auf dem Kopf. Funktionswäsche hilft, diese Zonen durch Weiterleitung an die äußeren Schichten trockener zu halten, als das beispielsweise mit Baumwollwäsche möglich wäre, aber eben doch nicht ganz trocken. Schwitzen bedeutet, dem Körper ist es zu warm, her mit der Kühlung.  Wenn die Situation sich ändert, hört der Körper zwar auf zu schwitzen, aber die umgebende Wäsche hat die Feuchtigkeit noch nicht abtransportiert und bildet nun Kältebrücken. Der Restkühleffekt ist zwar willkommen, aber der unmittelbar nachfolgende Auskühleffekt nicht. Was also tun?
Die richtige Taktik: Das Einfachste ist natürlich, die Wäsche zu wechseln. Das ist einfach möglich, wenn die Fahrt/das Training sowieso beendet ist und man sich möglicherweise sogar duschen kann. Anders sieht es aus, wenn die Fahrt nur unterbrochen wird, z.B. weil  die Fahrt mit dem Zug oder mit der Fähre fortgesetzt werden muß. Hier hilft nur, die Kleidung kurzzeitig zu öffnen, um den noch warmen Schweiß wenigstens verdampfen zu lassen. Zusätzlich kann man aber vor Erreichen der Zwischenstation das Tempo reduzieren, damit der Körper weniger stark schwitzt und der Fahrtwind die Restfeuchte noch weiter abtransportiert. Das ist auch deshalb zu empfehlen, weil gerade im Moment des Anhaltens der fehlende Fahrtwind zu einem Wärmestau und dann erst Recht zu vermehrter Schweißbildung führt. Also möglichst ökonomisch fahren, auch unterwegs vor Ampeln das Tempo nur dann forcieren, wenn begründete Hoffnung auf Grün besteht.

Eiseskälte: Wenn die Temperaturen richtig ins Minus fallen, dann ist auch für viele noch so überzeugte Radler endgültig Schluß mit lustig. Dabei läßt sich auch das mit ein paar Kniffen recht gut beherrschen. Besonders überschätzt wird oft die trockene, kontinentale Kälte, die oft mit eiskalten Nord-Ost-Winden daherkommt. Wieso überschätzt? Weil die Luft zwar sehr kalt, aber gleichzeitig sehr trocken ist. Sie nimmt deshalb Wärme nicht so schnell auf wie feuchte Luft. Rein vom Feeling her ist deshalb ein klarer, sonniger Morgen bei -8°C wärmer als ein neblig-feuchter Herbsttag bei +2°C. Aber trotzdem gibt es auch hier Probleme: Die kalte, trockene Luft greift Gesicht und Augen an, denn sie trocknet aus, der Fahrtwind reizt und entzündet die Augen.  Skifahrer kennen das, sie kremen das Gesicht mit Fett ein (evt. Sonnenschutzfaktor) und setzen Schutzbrillen auf. Außerdem streicht die kalte Luft im Brustbereich durch jede noch so kleine Öffnung, die Lunge und die Bronchien fühlen sich an wie eine eiskalte Luftmatratze im ersten Frühlingscamp. Da hilft nur ein Windlatz, wie er häufig in Verbindung mit Sturmhauben aus Fleece erhältlich ist. 
Kalte Füße:  Auch die Füße, am weitesten von der Wärmepumpe weg und ständig dem Fahrtwind ausgesetzt, wirken nach wenigen Minuten wie Klumpen an einem anderen Wesen, wenn man sie nicht richtig schützt. Spezielle, halbhohe Winterschuhe (am liebsten eine halbe Nummer zu groß gekauft) helfen hier nur begrenzt, zumal, wenn man sie mit zu dicken Socken vollstopft und den Füßen die Bewegungsfreiheit nimmt. Die ist überhaupt das Wichtigste: Mangelnde Bewegungsfreiheit führt über kurz in jedem Falle zu kalten Füßen. Besser also, die dicken Socken wegzulassen und mit Überschuhen aus Neopren die kalten Winde abzuhalten. Omi steuert vielleicht noch ein paar selbstgestricke Wadenwärmer bei, zwischen Überschuhe und Hose gezogen kann man kaum mehr für die Paddel tun.  Schnürsenkel sollten lockerer und Klettverschlüsse weniger gespannt werden, das schafft zusätzlichen Platz in den Quanten. Und nicht erst, wenn die Latschen schon klirren, sondern gleich zu Beginn der Tour. Auch sollte man darauf achten, die Bündchen der Hose nicht in den Schaftbereich des Schuhs fallen zu lassen, das sorgt für zusätzliche Druck- und Engstellen. Socken sollten aus einem atmungsaktiven und dünnem Material bestehen, man wundert sich oft, wie feucht kalte Füße noch werden können. Allerdings sind die Socken aus GoreTex, die ich im letzten Winter probegefahren habe, viel zu dick und damit auch wieder ungeeignet: Bereits nach einer Stunde fühlten sich die im Schuh verquetschten Füße an wie Glas.
Kopf: Auch der Kopf ist sehr empfindlich. Mit einer Wärmekamera betrachtet, ist er auch bei coolen Typen die heißeste Stelle am Körper und - da meist nur schwach verhüllt - den größten Wärmeschwankungen ausgesetzt.  Sinusitis - eine chronische Erkrankung der Nebenhöhlen, ist eine häufige Begleiterscheinung (übrigens nicht erst seit heute: Die Pedalritter sind die Nachfahren der rotzenden Fuhrmänner von einst).  Wichtig also, gerade die Stirn und die Ohren gut zu schützen. Das tut man am Besten mit einer Haube, wie sie auch Motorradfahrer tragen, aus einem atmungsaktiven, elastischen und eng anliegenden Material. Je kälter es ist, desto dicker muß es sein; sieht beknackt aus, hilft aber.
Hände: Hände sind immer ein "wunder" Punkt: Fast so ausgesetzt wie die Füße, sind die Hände gerade bei Minus-Temperaturen schnell bis ins schmerzhafte abgekühlt. Etwas weniger steif in der Schulter zu fahren, bringt etwas zusätzliche Bewegung und damit Blut und etwas Wärme in die Finger. Das aber hält nicht lange vor. Bis 10°C tun es meist noch die einfachen Fingerlinge, die man auch im Sommer trägt. Wird es kälter, sollte man vor allem morgens, wenn der ganze Körper noch nicht so richtig unter Dampf steht, auf Vollhandschuhe umsteigen. Ab 2°C sollten die zusätzlich gefüttert und ab -8°C eventuell sogar als Fäustlinge ausgeführt sein. Das wird das Schalten natürlich spätestens jetzt für Rapid-Fire-Fans zum Problem. SRAM-Jünger sind da deutlich besser dran: Drehgriff läßt sich auch mit Fäustling cooool schalten.
Hals: Eigentlich ist er auch im Sommer ständig in Gefahr: Der Hals. Denn schnell hat man sich erhitzt und braust mit unverschlossenem Trikot den nächsten Berg hinunter, zack hat man 3 Tage später den schönsten Sommerschnupfen. Was hilft, sind Halstücher, am Besten die Endlosformen von Buff. Je kälter es wird, desto wichtiger ist es, damit den empfindlichen Brustbereich gegen Zugluft abzuschirmen.
Getränke: Im Winter mindestens genauso wichtig: Ausreichend zu Trinken. Allerdings ist das bei Minusgraden ein Wettlauf gegen die Zeit: Ist die Soße schon gefroren, bevor ich Durst habe? Selbst wenn sie nicht gefroren ist: Ein von der Anstrengung welker Magen revoltiert endgültig, wenn er auch noch kalt abgeschreckt wird. Thermos-Trinkflaschen sind zwar nicht vergleichbar mit den handelsüblichen Thermoskannen, lassen den Tee oder die Energie-Schorle aber wenigstens noch einigermaßen im trinkbaren Temperaturbereich, auch nach Stunden. Allerdings haben sie ein um 30% geringeres Nutz-Volumen als ihre ungefütterten Schwestern.

Dunkelheit: Was aber neben den Temperaturen am meisten abschreckt, vor allem die radelnden Pendler, sind die schlechten Sichtverhältnisse im Winterhalbjahr. Mit dem Ende der Sommerzeit Ende Oktober spätestens muß wieder eine Lampe ans Rad, und je schneller man fährt, desto kräftiger muß sie sein. Gut bewährt hat sich da die mit einem großen Akku-Pack befeuerte Leuchte von Sigma, die auch zweiflammig ausgeführt werden kann und im Zwillingsbetrieb mindestens 1,5h hält, bei sparsamer Verwendung der zweiten Flamme auch erheblich länger. Vor allem dann, wenn der Weg über Stock und Stein führt und nicht auf asphaltierten Radwegen, ist viel Licht Voraussetzung für zügiges Fahren.  Eine Rückleuchte mit Blinkeffekt ist zwar nicht so ganz im Sinne der Straßenverkehrsordnung, aber mir persönlich ist es wichtiger, im  Verkehr wahrgenommen zu werden, als diese Radfahrer-unfreundliche Verwaltungsvorschrift zu bedienen. Auch sollte man sich, selbst, wenn es zu Umwegen führen sollte, eine Strecke heraussuchen, die möglichst wenig über Autostraßen führt. Wenn schon, dann sollten diese Straßen möglichst breit und genügend Überholreserven für die Kraftfahrer auch bei Gegenverkehr bieten: Im Winter rechnet kaum noch ein Autofahrer mit Radlern. Schlimme Angewohnheit bei Radlern ist, die Beleuchtung erst deutlich nach Einbruch der Dämmerung einzuschalten. Überhaupt ist es überlebenswichtig, sich in die Sichtverhältnisse des Autofahrers hineinzudenken: Früh morgens oder abends bei tiefstehender Sonne im Gegenlicht sollte man wenigstens die Rückleuchte eingeschaltet lassen, auch wenn es mittlerweile oder immer noch taghell ist.


WS, 02.11.2005