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Oder: Jedes bißchen Kondition ist hart erkämpft.
Das Selbstquälen. Sagten wir schon, daß man sich als Radler mit ab
heute erhöhtem Ehrgeiz schon etwas quälen können muß? Vorsicht: Das hat mit
Masochismus nix zu tun. Es ist lediglich etwas von dem, was für unsere Vorfahren ganz
selbstverständlich war, bevor ein Ziel erreicht werden konnte: Anstrengung und Schweiß.
Das mit der Anstrengung und dem Schweiß ist in unserer vollautomatisierten und
klimatisierten Zeit etwas aus der Mode gekommen. Deodorant, wie wir nun mal sind, wird
Schweiß sogar als ausgesprochen unzivilisiert empfunden. Wenn wir die Bilder der Helden
der Tour de France sehen, wie sie in ihren makellos geschmackvollen bunten Trikots auf
ihren sündhaft teuren Drahteseln so scheinbar leicht die Alpenpässe hoch fliegen, kommen
wir ja auch gar nicht auf die Idee, daß es in ihrem Windschatten bestialisch genau danach
riecht: Nach Schweiß und Fußpilz eben. Das kann das Fernsehen nämlich noch nicht
übertragen.
Oh ja, Radfahren ist richtig anstrengend. Nein, wir wollen mit diesen Zeilen nicht etwa
abschrecken. Wir wollen Lust machen. Lust auf Anstrengung. Lust auf Schweiß, Lust auf
Kampf. Vor allem gegen den inneren Schweinehund. Berühmt geworden sind jene Worte von
Udo Bölts, die er nicht etwa zu Jan Ulrich, sondern zu dessen innerem Schweinehund
sprach und damit Jans ersten Toursieg begründete: "Quäl Dich, Du Sau!" Wie
wichtig das ist, kann gar nicht oft genug gesagt werden.
Wieso sollte man sich so quälen? Jeder hat seine eigene Theorie, seine Geschichte im
Kopf, die immer wieder abläuft, wenn man vor lauter Anstrengung absolut nichts mehr
denken kann, außer: Wann hört das endlich auf? Bin ich endlich oben? Wie weit noch? Das
wunderbare daran ist, daß man wirklich minutenlang nicht mehr an die nächste Prüfung,
den Krach mit der Frau, die Zigarre vom Chef, den Ärger mit den Kunden, den Liebeskummer
oder den Kratzer im Lack von dem neuen Auto gedacht hat. Wie erholsam!
Der Frust. Nun, jetzt hat man sich innerlich auf das vorsätzliche
Selbstquälen eingerichtet. Vielleicht fährt man die ersten paar Touren allein. Nach
einer Weile möchte man natürlich wissen, ob man die Sache vielleicht zu lau angegangen
ist und ob man nicht noch etwas mehr aus sich herausholen könnte - vielleicht will man
das auch lieber nicht wissen und weiter alleine wurschteln.
Gehen wir davon aus, man entschlösse sich, mit ein paar anderen Verrückten ein Toürchen
zu wagen. Kann sein, man ist fit, kann aber auch nicht sein: Was nun am meisten frustet,
ist die Tatsache, daß die anderen Mitfahrer offensichtlich soviel besser mit ihrem
inneren Schweinehund fertig werden. Man kommt sich wie eine fleischgewordene Bremse vor,
schon nach wenigen Minuten hängt man weit hintendran und die Zunge heraus.
Wer jetzt die Brocken hinschmeißt, sollte es vor allem nicht deshalb tun, weil er denkt,
die anderen dächten, was für eine Flasche, die nehmen wir aber nicht mehr mit. Neben der
physischen Leidensfähigkeit ist nämlich die psychische fast noch wichtiger und nötigt,
bei aller Geringschätzung der Kondition, wirklichen Respekt ab. Keine Sorge, auch die
schnellen Mitfahrer kommen bei der Tour auf ihre Kosten. Man kann sich auf der gleichen
Strecke z.B. durch Spurts bergauf auch als starker Fahrer schurigeln wie ein schwächerer
Fahrer, der froh ist, überhaupt oben anzukommen. Die kleinen Pausen, die entstehen, nimmt
man gerne in Anspruch um wieder etwas in Puste zu kommen. Klar, gibt keiner zu, ist aber
so.
Überhaupt: So groß, wie der Beginner meint, ist der Konditionsabstand meistens nicht.
Dazu kommen die biologischen Schwankungen: Untrainierte starke Naturen sind vielleicht
(wenigstens auf den ersten 20km) schneller als trainierte Schwache. Junge spurten deutlich
schneller und erholen sich leichter, ältere sind auch nach 40km durchs Gelände nicht
kleinzukriegen und halten das Tempo, legen vielleicht sogar noch nach. Wie auch
immer: Man muß ihn kennenlernen, den inneren Schweinehund und richtig mit ihm umgehen.
Z.B. so: Zu Anfang nicht gleich jeden Spurt mitgehen, Tempo eher drosseln, etwas
nachhängen, selbst, wen man denkt, man hätte genug Power. Nach 20 km ist das meiste
Stroh verbrannt, jetzt geht's etwas ruhiger zur Sache. Immer schön viel trinken, am
Besten reines Wasser. Im Winter auch gerne etwas temperiert. Wenn nun ein Spurt angesetzt
wird, kann man schon mal mitgehen, wenn man sich danach fühlt.
Die 2000 km Regel. Wie auch immer: Die ersten 1000 - 2000 km
Mountainbike oder 1500-3000 km Rennrad sind die härtesten, wenn man ab und zu mal ein
bißchen vorne mithalten will. Ehemalige fanatische Nichtsportler kalkulieren nochmal
75-150% Aufschlag. Wenn man rechnet, daß man im Jahresdurchschnitt etwa 2-3 Stunden pro
Woche investieren will, kommt man auf 50-70 km pro Woche, 2600 - 3600 km/Jahr und hätte
nach etwa einem Jahr schon eine beachtliche Grundkondition. Überhaupt sollte man bei der
Planung der Hobbykariere nicht zu optimistisch sein: Beruf, Familie und sonstige
Verpflichtungen nagen am Freistundenkonto, schlechtes Wetter sorgt für
Trainingsausfälle, da sind 2-3 Stunden/Woche im Jahresdurchschnitt unter Umständen schon
das Limit. Doch: Am Anfang sollte es auch nicht viel mehr sein. Wichtig ist, zu Anfang
nicht zu viel, aber regelmäßiger zu trainieren und die Zeit auf mehrere Male zu
verteilen, sodaß im günstigsten Fall etwa 3 Trainingseinheiten à 1 Stunde herauskommen.
Das gilt um so mehr, je unsportlicher das Vorleben, je höher das Lebensalter und je
größer das Übergewicht. Andere Komplikationen wie Rücken- und Knieprobleme sollten
ebenfalls am Anfang, jedenfalls bis zum Aufbau nennenswerter Muskulatur sehr ernst
genommen werden, sie sind aber kein Hinderungsgrund. Durch gesunde, d.h. Kohlehydrat- und
Mineralstoff-haltige Ernährung kann man den Aufbau ebenfalls beschleunigen. Auch sonst
kann man im Alltag einiges tun, um die Grundkondition zu verbessern. Wenn das Training
isoliert dasteht und sonst fast jede Tätigkeit automatisch, mit dem Auto oder Fahrstuhl
erledigt wird, braucht man sich nicht zu wundern, wenn man trotz Training nicht so richtig
in die Gänge kommt. Also gilt auch hier: Mehr Bewegung tut not. Ich sehe schon den
degenerierten Homo Sapiens des dritten Jahrtausends vor mir: Unten Gehwarzen, wo früher
Hände waren fernbedienungskompatible Greifwürste und ein riesiges Hinterteil für das
bequeme Sitzen. Sieht moströs aus, riecht aber garantiert nicht nach Schweiß, eher nach
Fastfoodblähungen. Also: Radikale Bewegungsinitiative im Normalleben, moderate Steigerung
des Trainings und gesunde Ernährung.
Technik und Taktik. Mit Technik ist ausnahmsweise mal nicht der viel
zu teuere Kram aus dem Radladen gemeint, dessen Erwerb regelmäßig Gewissen und Haussegen
belastet, sondern die Bewegung auf dem Rad.
Die Pedalbewegung. Viele Neulinge haben zwar schon eine Pedalbindung, meist so
ein Shimano-kompatibles System mit den richtigen Schläppchen dabei, aber so richtig
ausnutzen kann sie kaum einer. Die Dinger sind nämlich nicht nur dazu da, den Bunnyhop
zusammen mit dem Rad zu landen, sondern dienen vor allem als Fortbewegungshilfe.
"Ohne" könnte man nämlich nur mit den Oberschenkeln nach unten drückend Kraft
übertragen, "mit" kann man im Idealfall über die gesamte Pedalumdrehung Kraft
draufgeben. Das will geübt sein und muß auch nach 3 Stunden noch sauber
funktionieren. Nicht der Rede Wert? Dann denke man mal über folgendes nach: Wie
groß ist der Unterschied zwischen 2 Gangstufen in % ausgedrückt (Beispiel
Ritzelpaket 28 -25 - 21 - 18 - 16 -14 - 12)? Sie beträgt etwa 12-16 %. Etwa
genauso groß ist der Kraftgewinn durch konsequent tangentiales Treten, wenn man es richtig macht. Dazu kommt eine Streckung der
Kondition, daß heißt späteres Versauern der Muskeln, die bei etwa 20-25% liegen
dürfte. Trainiert wird das so, das man über einige Kilometer konsequent nur mit einer
bestimmten Muskelpartie drückt oder zieht; mit etwas Übung beherrscht man das nach einer
Weile ganz gut.
Schalten und die richtige Drehzahl. Es kann immer wieder beobachtet werden, daß
auch erfahrene Fahrer mit viel zu niedrigen Drehzahlen unterwegs sind. Das hat folgende
Nachteile: Aufgrund der höheren Drehmomentbelastung steigt der Krafteinsatz in der
Muskulatur. Damit wird der Muskel früher sauer. Außerdem werden Knie- und Sprunggelenk
stärker belastet, vor allem im kalten Zustand ein absolutes NoNo. Das durch
höhere Drehzahlen bedingte lockere Gestrampel irritiert vor allem die Neulinge,
ist aber absolut geboten, wenn man schneller und gesünder weiter kommen will.
Manchmal ist es aber Schaltfaulheit, Bequemlichkeit oder weil man
Schwierigkeiten mit der Technik hat. Das gilt vor allem für die - sorry, aber
Vorurteile werden nicht dadurch unwahr, daß sie emanzolitisch bedenklich sind - weiblichen Pedalritterinnen. Für das komplizierte
Durcheinander von Kettenblättern, Ritzeln, Umwerfern und Schaltwerken muß man sich halt
ein kleines Bissel interessieren, um da durchzublicken und wenigstens den Gang
drinzuhaben, den man drin haben will, selbst wenn's objektiv der falsche ist. Also auch
der richtige Umgang mit der Schaltung will geübt sein, rechtzeitiges und vorausschauendes
Schalten gerade im Gelände verhindert unfreiwillige Abgänge.
Wiegetritt. Den sollte man wegen seines konditionellen Kahlschlageffektes anfangs
nur dann einsetzen, wenn man wirklich nicht mehr anders den Berg hochkommt. Besser ist
es hier
die Pedalbewegung zu optimieren, siehe oben. Wenn man aber nun keulen will, sollte man mit
einem Gang fahren, der einem erlaubt, das durch den Einsatz des gesamten Körpergewichts
nutzbare Drehmoment auch auf die Straße zu bringen. Also auf ein kleineres Ritzel oder
größeres Kettenblatt schalten. Körper weniger stark hin und her denn auf und ab
bewegen. Und: Wenn man regelmäßig ranklotzt, auf Bruch- bzw.
Materialermüdungserscheinungen an Lenker und Vorbau achten
(natürlich erst nach der Tour). Insbesondere bei rutschigem
oder lockerem Untergrund sollte man den Wiegetritt eventuell
doch lieber sein lassen; wegen
seines stark schwingenden Drehmomentverlaufs muß man häufiger
mit Traktionsproblemen rechnen
als beim Normalbetrieb.
Geländetaktik. Über das rechtzeitige Schalten, vor allem kurz vor Steigungen,
wurde oben schon gesprochen. Aber es gibt durchaus noch andere Situationen, wo man durch
geschickten Krafteinsatz Vorteile herausfahren kann: Z.B. Taldurchfahrten; hier sieht man
nach einer längeren Abfahrt die nächste Steigung, möglicherweise sogar ihren
Scheitelpunkt. Da heißt es in der Steigung den Schwung verlängern. Dazu erst kurz vor
Erreichen der Talsole den Druck erhöhen und im gleichen Gang möglichst weit die
Geschwindigkeit halten; wenn es eng wird mit der Kraft, rechtzeitig und moderat
'runterschalten und versuchen Tempo behalten. Nach Erreichen des nächsten Scheitelpunktes
nicht gleich wieder hochschalten, sondern mit Drehzahl frische Körner in die Krampfadern
pumpen. Bei Steigungen sollte man generell mit den Kräften haushalten und so fahren, daß
man oben nicht wie eine reife Pflaume vom Rad kippt. Umgekehrt kann man bei bekannten
Verlauf auch durchaus draufhauen und das Tempo forcieren, das bringt Kraft und hat einen
guten Trainingseffekt.
WS, 23.06.2001 |